Cues, Cue Sheets und Fakebooks

Die Filmmusik-Komponisten sprechen heute von Cues wenn sie ihre Musikstücke meinen, die sie für eine bestimmte Filmsequenz geschrieben haben. Cues sind Musikstücke, die für den Film komponiert werden. Sie können eine Länge zwischen einigen Sekunden haben oder auch symphonische Ausmaße erlangen. Man kann auch behaupten, dass die heutige Filmmusik aus vielen einzelnen Cues besteht, die sich später als Tracks auf einer CD oder einer Playlist als einzelne Stücke des Albums mit der bezeichnung “Original Score” oder “Original Soundtrack” wiederfinden lassen.

 

Damals, zur Zeit des Stummfilms, spielten Musiker live während der Kinovorführung und die Problematik entstand durch die unterschiedlich eingesetzte Musik jedes einzelnen Pianisten oder des Kapellmeisters. Da es kein einheitliches System für die musikalische Begleitung gab, spielte jeder, was er für richtig hielt. Nicht selten haben sich Musiker den Film gar nicht vor der Vorführung angesehen, sondern spielten aufs Geratewohl was ihnen einfiel oder was an Noten gerade vorhanden war. Dies führte dazu, dass es vom Kinosaal zu Kinosaal für denselben Film extrem unterschiedliche Reaktionen vom Publikum gab, sogar in der gleichen Stadt bemängelten oder bejubelten die Zuschauer den Film, je nach dem wie das Orchester oder der Pianist den Film musikalisch begleitete. Um das etwas abzumildern, entstand eine Reihe von Notenbüchersammlungen, den sogenannten Fakebooks, die für geläufigsten Gefühlsstimmungen als Anleitung zur Begleitung dienen sollten. Die Fakebooks waren in Kategorien unterteilt, die man damals moods nannte und so konnte der Musiker schnell die gewünschte Stimmung finden und spielen. Die Notenbücher enthielten eine Liste sortiert nach benötigten Stimmungen wie Angst, Freude, Liebe, Glück usw. und für jede dieser Stimmungen standen mehrere bekannte Musikstücke zur Auswahl. Es gab zum Beispiel für “Angst und Grauen” den “Brautraub” aus Peer Gynt’s-Suite Nr. 2 Op. 55 von Edvard Grieg, für “Ungeduld” stand “Lieder ohne Worte” Nr. 1, op. 102 von Mendelsssohn und für “Liebesthemen” konnte man zwischen Dvoraks “Als die alte Mutter” und Brahms “Walzer” wählen.

Interessant ist, dass die Fakebooks auf der Affektenlehre basierten, die ihre Blüte im Barock erlebte. Der lateinische Begriff affectus bedeutet Zustand, Verfassung, Gefühl. Die Affektenlehre geht davon aus, dass die Musik gewisse Gemütsregungen nicht nur darstellen, sondern auch hervorrufen kann. Johann Mathesson (1681 – 1764), ein deutscher Komponist und Musikwissenschaftler aus der Barockzeit fasst ca. 20 Gemütsbewegungen zusammen und erläutert in seinen Werken die musikalische und kompositorische Nachahmung dieser Affekte. Für freudige Affekte sollten z.b. Dur-Tonarten verwendet oder Konsonanzen und große Intervalle gespielt werden. Um Trauer musikalisch abzubilden sollten demnach Moll-Tonarten oder enge Intervalle und Dissonanzen gespielt werden, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Verwendung solcher Fakebooks, die auf der Affektenlehre basierten und relativ ungenau die  Musik zu gewissen Gefühlszuständen vorschlug, erwies sich bald als problematisch für den Stummfilm. Jeder Kinokapellmeister oder jeder Pianist hatte zum bestimmten Gefühl mehrere Stücke zur Auswahl und entsprechend konnte er nur eine sehr subjektive Zusammensetzung der Musik aus den Fakebooks spielen.


Etwas später kam Max Winkler (1888 – 1965), ein Angestellter beim New Yorker Musikverlag “Carl Fisher Music”, auf die Idee, dass wenn er den Film vor der Veröffentlichung sehen könnte, würde er eine Liste zusammenstellen, die einen genauen Ablauf von bestimmter Musik beinhalte. Diese Musiklisten, die Cue Sheets – enthielten eine geregelte Abfolge von Musikstücken, den Cues – für den jeweiligen Film mit genauen Zeitangaben, wann das Stück beginnen und wie lange es gespielt werden sollte. Zum Beispiel, wird beim Opening – der einleitenden Sequenz im Film der “Arabische Tanz” von Tschaikowsky gespielt und es soll so lange gespielt werden bis die schwarze Texttafel mit einem bestimmten Text im Film erscheint – dann wird der nächste Titel gespielt, usw. Die Cue Sheets enthielten also Hinweise zur Filmsequenz, mit Zeitangaben für den Beginn und den Wechsel mit der genauen Angabe welcher Titel wann und wie lange gespielt wird. Einige Cue Sheets enthielten sogar Noten zu jedem Cue mit mindestens 8 bis 16 Takten vom vorgeschlagenen Musikstück. Sollte der Klavierspieler oder der Kapellmeister es vergessen haben, dienten diese Noten als Erinnerungsstütze.


Der Tonfilm brachte ab 1929 eine neue Dimension des Hörbaren mit sich und damit verschwanden die Musiker aus den Kinosälen, aber die Begriffe wie Cue Sheet oder Fakebook blieben weiterhin bestehen. Der Begriff Fakebook dient heute zum Beispiel im Jazz als Bezeichnung für das Notenbuch mit Jazz-Standards, in dem meistens nur noch das musikalische Thema, die Melodie und die Akkorde notiert sind. Aus einer handwerklichen Form der musikalischen Begleitung entstand aus den Cue Sheets die echte Kunst – die der Filmmusik.