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Doppelung als Methode in der Filmmusik

Entstanden während des Gesprächs und Diskussion mit der Autorin und Filmemacherin Ana Bilić

Wenn wir jemanden im Film weinen sehen, und dazu traurige Musik ertönt oder jemand lacht und die Musik die wir hören ist schwungvoll und hell – dann wissen wir dass es sich um eine musikalische Doppelung handelt: das was man sieht, wird noch einmal musikalisch „erklärt“. Die musikalische Verdopplung im Film hat eine lange Tradition. Entstanden ist sie noch lange bevor der Ton im Film den Einzug erhielt, denn schon während der Stummfilmzeit, versuchte der Musiker, meistens ein Pianist, die Geschehnisse auf der Leinwand akustisch “nachzuzeichnen”. Nach der Einführung des Tonsfilms, vollendeten Walt Disney’s Zeichentrickfilme diese Art der akustischen Beschreibung in dem fast jede Bewegung der Figur mit einem Ton versehen worden war: Wir erinnern uns an den Mickey Mouse der die Leiter hinauf- oder hinunterklettert und synchron zu seiner Bewegung erklinge alle Töne einer Toneiter. Deswegen nennt man heute diese extreme Form der Doppelung auch Mickey-Mousing. Der Einfachheit halber verwende ich den Begriff “Doppelung” hier als Abkürzung für musikalische Verdopplung die in der Musikwissenschaft mit dem TerminusUnderscoring (nach J. Kloppenburg) oder Deskriptive Technik (nach C. Bullerjahn) genannt wird. Diese einfache Methode wird oft im Fernsehen, in Unterhaltungsshows oder auch für Zuschauergruppen wie Kinder – die eine zusätzliche akustische Beschreibung zum Bild benötigen – angewandt. Wenn Komponisten etwas anspruchsvollere Filmmusik komponieren, sollte also der Einsatz dieser Technik eher restriktiv sein.

Im Jahr 2010 erstellten Ana Bilić und ich einen Kurzfilm, in dem die Doppelung eine ungewöhnliche aber doch wesentliche Rolle spielt: “Home Sweet Home”. Der Kurzfilm handelt von einem gewöhnlichen Morgenritual des Aufstehens aus der Perspektive einer Person, die wir nicht sehen. Der Film kommt ohne Protagonisten, ohne Dialoge und ohne Soundeffekte aus und visuell wurde der Film auf Stanbilder reduziert, dafür übernimmt die Musik die Hauptrolle – die des Erzählers. Die Musik “führt” uns buchstäblich durch den Film, und mittels musikalischer Doppelung erfahren wir die wichtigen Informationen, was der Protagonist denkt, was er fühlt wenn er aufsteht und wovon er träumt. Durch die Doppelung die mit einem Leitmotiv in der Musik des Films verschmilzt, erkennen wird den Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit.

Erst viel später nachdem wir unseren Kurzfilm fertigt gestellt haben, entdeckten Ana Bilić und ich einen – für Cineasten sehr bekannten und populären Kurzfilm, der auf ähnlichen Prinzipien basiert: La Jetée (Deutscher Titel: “Am Rande des Rollfelds”) von Chris Marker aus dem Jahr 1962. Dieser faszinierende Kurzfilm bediente sich ähnlicher Mittel wie im Home Sweet Home um die Geschichte zu erzählen – ebenfalls mittels Standbilder, Musik und Toneffekten. Der Kurzfilm handelt von einem Mann im postapokalyptischen Paris nach dem 3. Weltkrieg, der mit anderen Überlebenden unter der Erde lebt und einem Experiment unterzogen wird, um durch die Zeit – in Vergangenheit und Zukunft – zu reisen, damit die unerträgliche Gegenwart beeinflusst werden kann. Der Mann erinnert sich auf seinen Reisen ständig an eine Kindheitsszene am Flughafen und an eine Frau, die er später bei seinen Zeitreisen tatsächlich begegnet und auch fürs Filmende eine entscheidende Rolle spielt. Da die Geschichte eine komplexe, postapokalyptische Science-Fiction-Story enthält, werden die Bilder von einer Erzählerstimme begleitet. Das Besondere an diesem „Photoroman“, abgesehen von großartigen Fotos von Chris Marker, ist jedenfalls die Musik, die von Trevor Duncan komponiert wurde und die den Film so zusammenschweißt, dass man das Gefühl bekommt, man habe diese Zeitreisen selbst erlebt. Er hat unter anderem auch die musikalische Doppelung als Technik verwendet sowie im Ton, ähnlich wie ich im Film Home Sweet Home. Das hat mich dazu bewogen, eine Parallele zwischen La Jetée und Home Sweet Home zu ziehen, denn sie bedienen sich neben der gleichen Musiktechnik auch der gleichen Stillmittel, nämlich der Standbilder. Mir ist aufgefallen, dass die Filme etwas gemeinsam haben: das Thema. Interessant ist hier die Ähnlichkeit zwischen La Jetéeund Home Sweet Home zu erwähnen – beide erzählen eine Geschichte die zwischen Welten oder Realitäten wechselt – bei La Jetée ist der Wechsel zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, bei Home Sweet Home der Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit. Beide Filme bedienen sich der Doppelung in der Musik als Stilmittel um diese Wechsel zu verdeutlichen. Also, die Musik, die hier eine enorme Stellung einnimmt – durch die Doppelung, die außerhalb der “klassischen” Ansätze ihre Anwendung findet – neue Welten, unverständliche Terra Incognita zu ergründen – sowohl bei La Jetée als auch bei Home Sweet Home – haben ihre klare und sehr gute Berechtigung.

Ich war erstaunt über die Erkenntnis und zugleich auch neugierig und da wollte wissen, welche Künstler der damals sehr berühmte und höchst gepriesene Film La Jetée von nur 29 Minuten Länge inspiriert hat. Der Befund war sehr interessant:

  • Der Film Twelve Monkeys von Terry Gilliam wurde von der Story La Jetée inspiriert;
  • David Bowie verwendet visuelle Referenzen zum Film in seinem Videoclip zum Song Jump They Say;
  • die Musik für den Film Das letzte Tango in Paris von Bernardo Bertolucci enthält das Leitmotivthema, die Gato Barbieri aus dem La Jetée übernahm und erweiterte.

Wir haben uns in diesem Kontext weitergefragt, warum La Jetée gerade diese Filme inspiriert hat und nicht andere, was haben alle die Werke gemeinsam? – Die Konklusion war auch interessant: Alle switchen nämlich zwischen den Welten, zwischen einer bekannten und unbekannten Welt – Gegenwart und Vergangenheit (Twelve Monkeys), Vertrauen und Paranoia (Jump They Say), Sinnlichkeit und Gewalt (Das Letzte Tango in Paris). Es geht offenbar immer um eine Terra Incognita, die ergründet wird. – Ein Kurzfilm wie La Jetée, der mit seinem experimentellen Charakter hinsichtlich der musikalischen Doppelung und der Standbilder hat eine große Reaktionskette ausgelöst. Ich bin sehr glücklich, dass unser Film auch in dieser Reihe auftaucht, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst waren. 


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