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Pentatonik in der Filmmusik

Die pentatonische Skala besteht aus fünf verschiedenen Tönen (penta – aus dem Griechischen für fünf) und innerhalb der Pentatonik wird zwischen der hemitonischen und anhemitonischen Skalen unterschieden. Die hemitonische Fünftonskala erlaubt Intervalle in Halbtonschritten und in der anhemitonischen Skala besteht die Tonfolge aus Ganztonintervallen. Die Pentatonik gehört zu den ältesten Skalen der Welt und war bereits seit 3000 v. Chr. bekannt. Die überschaubare Anzahl der Töne ist einer der Gründe, warum die pentatonische Skala so leicht zu merken ist – man kann sofort mitsingen, ohne besondere Musikkenntnisse zu besitzen und sie ist sogar bei Kinderliedern sehr beliebt. Interessant ist auch die Tatsache, dass erst Ende des 19. Jahrhunderts die pentatonische Tonleiter langsam von der europäischen Kunstmusik (wieder)entdeckt wurde, obwohl sie in vielen Kinderliedern auch schon zur damaligen Zeit existierte. Wird wohl daran gelegen haben, dass sie als “zu einfache Musik” dem einfachen Volk zugeschrieben wurde. Ein schönes Beispiel liefern übrigens die schwarzen Tasten am Klavier – bestehend aus einer Gruppe mit zwei und drei nebeneinanderliegenden (schwarzen) Tasten – bilden sie zusammen die pentatonische Skala. 

Die Pentatonik stammt ursprünglich aus Mesopotamien und findet sich bis heute weltweit in vielen traditionellen Volksmusiken diverser Völker Afrikas, des amerikanischen Kontinents, in Asien, aber auch in Europa. Heute ist die Pentatonik in der westlichen Musik fest verankert. Besonders im Jazz und Blues wird sie oft verwendet, aber auch in der klassischen Musik erfreut sich die Pentatonik großer Beliebtheit. Seit dem Ende des 19. Jh. haben so gut wie alle großen Komponisten mindestens ein Stück in der pentatonischen Skala geschrieben und bis heute findet sie sich in der zeitgenössischen Klassik, sehr wohl auch im Rock und Pop. Erwähnenswert ist auch die Verwendung der Pentatonik in der Musiktherapie. 

Wieso nicht die Pentatonik auch in der Filmmusik? 

Als ein hervorragendes und sehr gelungenes Beispiel zum Thema Pentatonik in der Filmmusik nahm ich den Titelsong von Ryuichi Sakamoto im japanischen Film aus dem Jahr 1983 “Merry Christmas Mr. Lawrence“ vom Regisseur Nagis Oshima. Der Film ist an und für sich ein Kultfilm mit einem großartigen Cast wie David Bowie, Ryuichi Sakamoto selbst, dem berühmten Takeshi Kitano usw. Die Titelmelodie des Films wird sofort zum Ohrwurm, sobald man sie gehört hat. Hören Sie hier den Auszug der Titelmelodie:

Aber warum ist ein Film der den zweiten Weltkrieg im Japan zum Thema hat – unter anderem auch durch seine Filmmusik – zum Kult geworden? Warum ist die Titelmelodie nach so langer Zeit noch immer in ihrer Einfachheit so populär? Hier eine kleine Analyse: Wenn wir die ersten vier Takte dieser berühmten Melodie unter die Lupe nehmen, werden wir feststellen dass nur die ersten drei Takte in Pentatonik gespielt wurde und dass es im vierten Takt einen kleinen Ausbruch gibt – der vierte Takt wechselt aus der pentatonischen Skala in die natürliche Molltonleiter, die in der westlichen Klassik allgemein verbreitet ist. Dieser “Ausbruch” aus der traditionellen Pentatonik verkörpert genau diese Art von Verschmelzung verschiedener Welten und verschiedener Kulturen, die sich im Film widerspiegeln: alte Traditionen Japans prallen auf die westliche Kultur auf. Oder durch die Filmhandlung ausgedrückt: Ein japanischer und ein englischer Soldat bekennen sich zur verbotenen Liebe zueinander. Sakamoto selbst erwähnt das in seinem Interview im Buch “Filmkünste: Filmmusik” von M. Russel und J.Young: “Ich wollte eine Musik schreiben, die manchmal auf den Hörer aus dem Westen wie dem Osten orientalisch klänge – irgendwas in der Mitte. Ich wollte dazwischen sein.” Seit mehr als 35 Jahren ist Sakamotos Musik aus dem Film noch immer weltweit beliebt und bekannt – er selbst spielt noch immer dieses Lied bei fast allen seinen Solokonzerten. 

Ich glaube fest daran, dass jeder Komponist, aus diesem einfachen und doch so beeindruckendem Beispiel lernen kann.