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Mythen vs. Fakten über die Entstehung der Filmmusik

Der berühmte Schweizer Musikwissenschaftler Hansjörg Pauli räumt in seinem Buch “Filmmusik: Stummfilm”* mit dem weitverbreiteten Mythos der Entstehung von Filmmusik in den Zeiten des Stummfilms auf. Der Filmprojektor soll so laut gewesen sein, dass man unbedingt Musik dazu spielen musste, um den Lärm des Projektors zu übertönen. Die ersten Kino-Projektoren, die ungefähr in der Zeit zwischen 1892 bis 1896 entstanden sind, waren der Kinematograph der Gebrüder Lumière und der Vitascope von Thomas A. Edison. Der Kinematograph der Gebrüder Lumière lief nahezu geräuschlos, da der Transport des Filmstreifens mittels Handkurbel geschah, und da gab es keine Geräusche, die es zu übertönen galt. Der Vitascope von Edison war dagegen motorbetrieben und deswegen so laut, dass man den Projektor in die Kabine des Beleuchters hineinstellen musste. Sogar New York Times berichtete über den Lärm des Projektors, der trotz allen Maßnahmen aus der Kabine zu hören war. 

Ein anderer Grund, warum man die Musik beim Stummfilm einsetzte, war, dass sich die Zuschauer mithilfe von fröhlicher Musik in einem dunklen Saal weniger fürchten sollen. Pauli stimmt diesem zu: Die beiden Projektoren – sowohl der von Gebrüder Lumiére als auch von Edison – waren relativ lichtschwach, also man konnte die Projektion des Films auf der Leinwand sehr schlecht sehen. Aus diesem Grund musste man den Saal komplett verdunkeln. Um das unangenehme Gefühl des Sitzens neben teils unbekannten Menschen im Dunkel musste schnell eine angenehmere Stimmung herbei geschafft werden. Das soll zumindest einer der Gründe sein, warum man musikalische Begleitung zu den Bildern ursprünglich benötigte.

Kinematograph

Somit ist die Behauptung wegen des Lärms im Kinosaal nur einseitig gültig, da den Lärm hauptsächlich Edisons Projektor gemacht hat. Leider wird diese undifferenzierte Meinung immer noch in den meisten modernen Büchern über die Entstehung der Filmmusik wiedergeben. Das finde ich sehr schade und ich hoffe, mit diesem Beitrag etwas Licht in den dunklen Kinosaal gebracht zu haben.

*Hansjörg Pauli – Filmmusik: Stummfilm,  1. Auflage 1981, Klett-Cotta, Stuttgart, ISBN: 3129363106